Forschungstagebuch
Einblicke in die Studie: Das Forschungstagebuch
Die Machbarkeitsstudie „Bewegte Pflege“ erforscht bis Ende 2026 wie kulturelle Teilhabe für ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen gelingen kann. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines Modells für wirkungsvolle und langfristige Kooperationen zwischen Pflegeeinrichtungen und Theatern. Dieses offene Forschungstagebuch gibt Einblick in die Gedanken, Fragen und Erfahrungen, die uns unterwegs begegnen und die die Studie motivieren und formen.
Viel Spaß beim Mitlesen, Mitfühlen und Mitdenken!
Stimmen
Die Tagebucheinträge
Gedanken, Fragen und Erfahrungen, die uns unterwegs begegnen und die Studie motivieren und formen.
Für immer ins Theater?
18.03.2026
Gedanken von Tomke Behrmann, Tanzwissenschaftlerin und Projektmitarbeit Bewegte Pflege und Dance On Partizipation
Wie alt werde ich sein, wenn ich das letzte Mal eine Tanzaufführung sehe? Werde ich dann noch genießen, was jetzt selbstverständlicher Teil meines Lebens ist? Werde ich dem Geschehen auf der Bühne gut folgen können – wird es mich immer noch so berühren und begeistern? Wann werde ich nicht mehr ins Theater gehen – und warum?
Möglicherweise werde ich mich nicht mehr so gut bewegen können und den Weg ins Theater zurückzulegen fällt mir schwer. Vielleicht weiß ich nicht mehr, wer mich begleitet. Und vielleicht bin ich mir unsicher, ob ich in diesem Alter dort überhaupt noch willkommen bin – die ganzen Hindernisse auf dem Weg, die Stufen, die Uhrzeit, der Verkehr, lassen mich jedenfalls daran zweifeln.
Alte Menschen, richtig alte Menschen, hochbetagt, im vierten Lebensalter, pflegebedürftig – mit allem, was das mit sich bringt – kommen in Spielstätten in Deutschland meist nicht mehr vor. Was macht das mit diesen Orten des kulturellen Austauschs, mit dem Publikum, dass das dort aufeinandertrifft? Und was passiert, wenn diese Menschen, auf einmal doch im Publikum sitzen? Die erste Reaktion ist vielleicht Überraschung, Irritation oder sogar Überforderung. Es kann eine Frage entstehen: will ich selbst noch hier sein, wenn ich alt bin? Oder: wie schön wäre es, wenn mein Vater, meine Oma, meine Tante auch hier sein könnte – geht das etwa doch noch?
Wenn alte, pflegebedürftige Menschen Teil des Publikums sind, dann begegnen sich Lebensrealitäten, die sonst sehr getrennt voneinander stattfinden. Wir teilen den Raum, wir teilen die Erfahrung, diesen Moment des besonderen Erlebens, der Vorfreude, der unbedingten Aufmerksamkeit. Wir sind gemeinsam Teil von etwas und können aufeinander wirken. Den Raum zu teilen kann dann Lern- und Reflexionsräume öffnen: wir können gegenseitige Berührungsängste abbauen, beobachten, wie Leben auch aussehen kann und überlegen, wie wir Räume gemeinsam gestalten. Wir Jüngeren werden konfrontiert: Wie will ich mein eigenes Altwerden leben? Will ich eigentlich für immer ins Theater? Welche Beziehungen zu alten Menschen führe ich? Passt ein Veranstaltungsbeginn um 18:00 Uhr nicht nur besser in den Alltag von pflegebedürftigen Menschen, sondern auch in meinen?
Für immer ins Theater – wenn das gelingt, wachsen Kulturorte, in denen mehr Menschen sich willkommen fühlen und für einen besonderen Moment ihre Lebensrealitäten teilen.
Was wäre, wenn alte Augen besser sehen?
20.02.2026
Was mich bewegt…
Gedanken von Prof. Dr. Michael Bossle, Pflegewissenschaftler und Pädagoge an der TH Deggendorf und Mitinitiator von Bewegte Pflege
Als Pflegewissenschaftler begegne ich dem Leben im Seniorenheim mit kontroversen Gefühlen. Es ist paradox: Für viele Familien ist es eine Entlastung, ihre Angehörigen in guten Händen zu wissen. Man stelle sich die Tochter vor, die in Kiel arbeitet und sich Sorgen um die zunehmend dement werdende Mutter macht, die in Oberschwaben in ihrer Wohnung allein lebt: Hat sie den Ofen ausgemacht? Ist sie gut aus dem Bett gekommen? Warum geht sie wieder nicht ans Telefon? Irgendwann zieht die Mutter auf Drängen der Tochter ins Heim. Sie weiß zwar, dass etwas nicht mehr so ganz stimmt, aber natürlich! käme sie noch gut zurecht zuhause… Aber der Tochter zuliebe, „Geh ich halt ins Heim…“!
Das Leben im Heim wird damit zu einer neuen Form persönlicher Selbstbestimmung. Selbstverständlich wird niemand zu etwas gezwungen – und trotzdem ist es ein Leben, das zunehmend aus zweckgebundenen Begegnungen besteht, weil Hilfe nötig ist. Essen, Vorlagen wechseln, Beschäftigung organisieren, Erinnerung wachhalten. Was wird nicht alles getan, um fit und zivilisiert zu bleiben…?
Diese Erzählung erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Sie soll aber die Widersprüchlichkeit zeigen, in der das Leben im Seniorenheim stattfindet. Der persönliche Lebensbereich wird gewissermaßen institutionalisiert – und Institutionalisierung bedeutet meist Einbußen im persönlichen Freiheitsraum in Kauf zu nehmen. Die Autonomie des Einzelnen wird zwar respektiert, aufgrund der Zwänge der Organisation, aber auch täglich verletzt.
Was hat das jetzt mit Bewegte Pflege zu tun? Ich glaube, dass Menschen erleben, dass Kunst – und besonders der Tanz – selten einem bestimmten Zweck folgt und nicht darauf ausgerichtet ist, ihre Unzulänglichkeiten zu thematisieren. Es geht insbesondere im Tanz darum, die ästhetische Erfahrung in den Vordergrund zu stellen. Sie nimmt mich bestenfalls mit, sie steckt mich mimetisch an. Ich bewege meine Seele im Körper, den Leib, meine Gefühlswelt. Ich folge den Bewegungen, solchen, die ich wahrscheinlich selbst nie (wieder) ausführen kann. Ich gehe in meine Welt. In meine persönlichen Räume der Identität, der Erinnerung, des Staunens, der Fantasie, der Deutung, des Mitfühlens. Ein Raum, der nicht durch Behinderung und Pflegebedürftigkeit geprägt ist. Ich! bestimme wohin ich mich seelisch bewege. Ich! bewege mich!
Unser Projekt stellt für mich deshalb einen Ermöglichungsraum dar. Wenn ich ihn betrete, habe ich alle Möglichkeiten, mich im Gefühl mitzubewegen. Und vielleicht ermöglicht gerade das Alter diesen Raum ganz anders wahrzunehmen – was, wenn alte Augen sogar besser sehen? Deswegen mache ich mit. Weil ich mithelfen möchte, viele solcher Gefühls- und seelischer Bewegungsräume zu eröffnen!
Kontakt
Projektleitung
Bewegte Pflege
Laura Böttinger
T. +49 (0)30 40 20 33 21 1
l.boettinger(at)bureau-ritter.de
Ansprechpartnerin für Interessierte aus Kunst und Kultur
Projektmitarbeit
Bewegte Pflege
Tomke Behrmann
T. +49 (0)30 40 20 33 21 12
t.behrmann(at)bureau-ritter.de
Ansprechpartnerin für Interessierte aus Kunst und Kultur
Wissenschaftliche Mitarbeit Pflege
Schwerpunkt Integration und Teilhabe
Laura Schümann
T. +49 (0) 991 3615 8342
laura.schuemann(at)th-deg.de
Ansprechpartnerin für Interessierte aus der Pflege
Wissenschaftliche Begleitung und Beratung
Prof. Dr. Michael Bossle
Professur für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf
In Kooperation mit: